Lavendelblüte in der Provence

Zu Zeiten von Corona ist das Reisen sehr eingeschränkt. Um dem Fernweh ein bisschen entgegen zu wirken, möchte ich euch heute mit auf einen Ausflug in die sommerliche Provence nehmen. Vielleicht habt ihr ja nach der Lektüre den Duft des Lavendels in der Nase und das Summen der Bienen im Ohr.

Provence

Die Provence (Frankreich) als fotografisches Reiseziel habe ich für mich im Spätsommer 2016 entdeckt. Damals verbrachte ich gemeinsam mit meiner Frau und unseren beiden Dalmatinern eine Woche in dem kleinen Örtchen Crestet in der Nähe von Vaison-La-Romaine im Département Vaucluse. Vormittags und am frühen Abend unternahmen wir Ausflüge in die nähere Umgebung, um die Mittagszeit und am Nachmittag waren die Temperaturen so hoch, dass wir uns lieber schattige Plätzchen oder auch Abkühlung in einem der umliegenden Flüsse oder Canyons suchten. Freunde des Weins kommen in dieser Region ebenfalls auf ihre Kosten, besonders die Weißweine sind von hoher Qualität.

Mt. Ventoux

Mit dem Mt. Ventoux, der nicht nur als regelmäßiges Berg-Etappenziel der Tour de France bekannt ist, hatten wir einen großartigen Foto Spot direkt vor der Haustür. 1.912 m ragt der alleinstehende Berg in den Himmel, und sowohl zum Sonnenauf- als auch zum -untergang bieten sich hier beeindruckende Ausblicke ins umliegende Land bis hin zu den französischen Alpen.

Gorges du Toulourenc

Auch das Durchwaten der „Gorges Du Toulourenc“, einer langgezogenen Schlucht, die von türkisfarbenem Wasser durchflossen wird, ist nicht nur ein erfrischendes, sondern ebenfalls aus fotografischer Sicht besonders attraktives Abenteuer. Nachdem ich die eine oder andere Engstelle überwunden hatte, traf ich auf mehrere kleine Fallstufen und Wasserfälle, die sich gut unter Verwendung eines Graufilters fotografieren ließen – die umliegenden Wände des Canyons spendeten ausreichend Schatten, um auch tagsüber ausgewogen belichtete Fotos aufnehmen zu können, und das fließende Wasser verschwamm durch die lange Belichtungszeit.

Bei unseren weiteren Ausfahrten stießen wir dann in der Umgebung von Sault schließlich auch auf ausgedehnte Lavendelfelder – Ende August waren die Pflanzen leider schon abgeerntet oder verblüht, aber meine Fantasie war angeregt: Unbedingt wollte ich diese weiten Lavendelfelder einmal in voller Blüte erleben und auch fotografieren!

Die Hochebene von Valensole

So begann ich zu Hause direkt nach der Rückkehr aus dem Urlaub mit der Recherche: Wo finde ich die schönsten Lavendelfelder, und wann ist es am wahrscheinlichsten, sie in voller Blüte anzutreffen? Die Hochebene von Valensole schien mir wegen der Nähe zum Flughafen Marseille am besten geeignet, als Zeitraum wählte ich Ende Juni/Anfang Juli um einen Neumond herum – dazu aber später mehr.

So kommt es, dass ich im Sommer 2017 in die Provence zurückkehre, genauer gesagt ins Département Alpes-de-haute-Provence. An der Mietwagenstation am Flughafen von Marseille erzählt mir eine der Mitarbeiterinnen, dass in der Gegend um Valensole vor vielen Jahren eine sehr populäre taiwanesische Soap Opera gedreht worden sei, weshalb recht viele asiatische Touristen zu den Lavendelfeldern pilgern und Szenen der Serie für Fotos nachstellen würden – ich bin gespannt!

Pünktlich zum Sonnenuntergang erreiche ich dann die wohl am häufigsten fotografierten Lavendelfelder der Provence – sie befinden sich unmittelbar entlang der Straße von Manosque nach Valensole und sind nicht zu verfehlen, bewirtschaftet werden sie von „Lavandes Angelvin“. Im hübschen, angeschlossenen Verkaufsraum werden allerlei Lavendelprodukte wie Seifen, Duftsäckchen oder Öle zum Kauf angeboten, schräg gegenüber gibt es vergleichbare Produkte aus ökologischem Lavendelanbau.

Was für ein Erlebnis für die Sinne: Der intensive Duft des Lavendels, die leuchtenden Farben, soweit das Auge reicht, und dazu das stetige Summen der Bienen, die den Lavendel bevölkern – ich komme mir vor wie in einer anderen Welt!

Lavendel

Warum sind ausgerechnet diese Felder bei Fotografen so populär? Drei Aspekte, die so sonst selten zusammenkommen, geben hier aus meiner Sicht den Ausschlag: Erstens verlaufen die sehr gut gepflegten Lavendelreihen hier nicht einfach eben – das Land ist eher hügelig, und der Lavendel ist in einer Senke gepflanzt, ehe er Richtung Horizont sanft ansteigt. Zweitens stehen am Ende des Felds einige freistehende Bäume, die sich wunderbar als Fluchtpunkt in die Kompositionen einbauen lassen. Zu guter Letzt ist die Ausrichtung der Felder so, dass zum Zeitpunkt der Blüte im Sommer die Sonne genau hinter den Feldern untergeht, was zu besonders schönem Licht und einem farbigen Himmel führen kann.

Illusion und Realität

Was man auf den meisten Fotos dieser Felder allerdings nicht sieht, sind die Stromleitungen, die quer hinter dem Feld verlaufen – die meisten Fotografen entfernen diese in der digitalen Nachbearbeitung, um die Idylle unberührt und perfekt erscheinen zu lassen. Ebenfalls sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass man hier zum Sonnenuntergang in einsamer Abgeschiedenheit fotografieren kann: In der Regel verteilen sich die Teilnehmer mehrerer Fotoworkshops zwischen den Lavendelreihen, und lautstark werden andere Besucher der Felder, die im Bild stehen, aufgefordert, das Feld zu verlassen. Und tatsächlich trifft man zu fast jeder Tageszeit auf asiatische Besucherinnen, die sich mit wehenden Kleidern und Hüten inmitten der Lavendelfelder fotografieren lassen – die Dame bei der Autovermietung hatte nicht zu viel versprochen.

Um die weiten, hügeligen Lavendelfelder optisch zu komprimieren, verwende ich bevorzugt eine Tele-Brennweite (ca. 100 – 400 mm). Auch das Spiel mit Schärfe und Unschärfe unter Verwendung einer Offenblende funktioniert bei Detailaufnahmen sehr gut – überhaupt laden die vielen Lavendelfelder zum Experimentieren ein.

lonely house
lavender

Beim Fotografieren der Lavendelfelder zum Sonnenuntergang bietet sich außerdem die Technik des „Time Blendings“ an: Zunächst erstelle ich unter Verwendung eines Stativs eine erste Aufnahme der Szenerie, so lange die Sonne den Lavendel noch direkt bescheint – die Farben leuchten dann besonders intensiv, und auch der Farbton ist so, wie man ihn sich bei Lavendel vorstellt. Anschließend lasse ich Kamera und Stativ ausgerichtet stehen und fertige kurz nach Sonnenuntergang in unveränderter Position eine zweite Aufnahme an, auf der der Himmel schöne Orange- und Rottöne zeigt – die Farbe des inzwischen im Schatten liegenden Lavendels wirkt bei dieser Aufnahme eher unnatürlich dunkelblau. In der digitalen Bildbearbeitung (z.B. unter Verwendung von Adobe Photoshop) überblende ich dann die beiden Aufnahmen, so dass der lavendelfarbene Vordergrund mit dem farbigen Himmel kombiniert wird.

sun dancer

Van Gogh & Co.

Bei der Erkundung der näheren Umgebung passiere ich eine Vielzahl weiterer Lavendel- und Sonnenblumenfelder, und schnell wird mir klar, warum diese Gegend auch viele Künstler wie van Gogh oder Cézanne inspirieren konnte.

Sommer-Milchstraße

Immer wieder treffe ich auf einzelnstehende Bäume oder alte Steinruinen inmitten der Lavendelfelder. Nach Sonnenuntergang kehre ich zurück und nutze sie als Vordergründe während der nächtlichen Milchstraßenfotografie. Bei Neumond ist die Gegend dafür um diese Jahreszeit perfekt geeignet: Die Lichtverschmutzung hält sich in Grenzen, und das galaktische Zentrum der Milchstraße ist für mehrere Stunden sichtbar. Zur Planung der Kompositionen verwende ich Apps wie „The Photographer’s Ephemeris“ oder auch „PhotoPills“.

In den nächsten Tagen erkunde ich weitere mittelalterliche Städtchen in der Umgebung. Besonders gefällt mir die hart an die Felskante gebaute Ortschaft Moustiers-Sainte-Marie, auch das viel fotografierte, aber auch von Touristen überlaufene Kloster „Abbaye Notre-Dame de Senanque“ in der Nähe von Gordes ist immer einen Abstecher wert. Und dazwischen: Immer wieder finden sich wunderbare Lavendelfelder, weite Wiesen mit Klatschmohn oder auch von Platanen gesäumte Alleen, die sich als Fotomotiv anbieten.

Vermutlich habe ich bislang nur einen Bruchteil der Provence fotografisch entdecken können – Grund genug, möglichst bald wieder zu kommen!

Canyon

Workshops in der Provence – mein Ausblick

Die Foto-Workshops, die ich in den letzten Jahren in der Provence angeboten habe, waren allesamt sehr beliebt und nach kurzer Zeit ausgebucht. Vermutlich üben die warmen Temperaturen, der Duft des Lavendels und die schöne Landschaft einen großen Reiz aus.

Allerdings habe ich für mich entschieden, bis auf weiteres – und ganz unabhängig von Corona – keine Provence-Workshops zur Lavendelblüte mehr anzubieten. Was sind die Gründe dafür? Wie in vielen anderen Gebieten hat die Anzahl der fotografierenden Touristen in den letzten Jahren so stark zugenommen, dass für mich viel des ursprünglichen Reizes verloren gegangen ist.

Die Zeit des schönen Fotolichts ist frühmorgens und abends auf wenige Minuten beschränkt. Vielleicht bin ich einfach verwöhnt durch die endlos wirkenden Dämmerungsstunden in den nordischen Ländern, die nahezu ohne Unterlass bestes Fotlolicht bescheren, so dass ich meinen fotografischen Fokus wieder mehr auf Island und Norwegen konzentrieren möchte. Dort ist für mich auch das Fotografieren in und mit der Natur nochmal eine Spur intensiver. Aus demselben Grund kommen für mich Fotoworkshops auf den kanarischen Inseln oder Lanzarote nicht in Frage, auch wenn ich diese Inseln ebenfalls sehr liebe. (Vielleicht gibt es ja mal einen Workshop zur Astrofotografie auf den Kanaren, das fände ich wiederum sehr reizvoll.)

Wie seht ihr das? Habt ihr Vorlieben für den Norden oder doch eher den Süden? Seht ihr Unterschiede beim Fotografieren? Ich bin gespannt!

(Dieser Beitrag ist in abgewandelter Form im Juni 2019 zunächst im Blog von kwerfeldein.de erschienen.)

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