Graufilter gehören in der Landschafts- und Architekturfotografie zur Grundausstattung. In diesem Artikel erkläre ich, wie sie funktionieren, wann sie sinnvoll sind — und welches System ich heute empfehle. Das Angebot ist groß und für Einsteiger schnell unübersichtlich. Dieser Leitfaden hilft dir, die richtige Wahl zu treffen.

Was sind Graufilter?

Graufilter (auch ND-Filter — Neutral Density) reduzieren die einfallende Lichtmenge, ohne Farbe oder Kontrast zu beeinflussen. Der Effekt: Um dieselbe Belichtung zu erzielen, brauchst du entweder längere Belichtungszeiten oder eine weiter geöffnete Blende.

Neben gleichmäßig lichtreduzierenden Graufiltern gibt es Grauverlaufsfilter (GND) — mit einem weichen oder harten Übergang von grau nach transparent — sowie variable ND-Filter (VND), die sich stufenlos einstellen lassen.

Alle Filter gibt es in verschiedenen Dichten (je höher, desto dunkler), verschiedenen Formaten (rund zum Aufschrauben oder rechteckig für Stecksysteme) und inzwischen auch in magnetischer Ausführung für schnellen Wechsel.

Einsatzgebiete

  • Bewegungsunschärfe — seidiges Wasser, verwischende Wolken, verschwimmende Menschenmengen in der Architektur
  • Freistellen — bei hellem Licht eine offenere Blende wählen, um Motive vor unscharfem Hintergrund zu fotografieren
  • Videografie — die 180°-Shutter-Regel erfordert bei guten Lichtverhältnissen oft einen ND-Filter, um die ideale Belichtungszeit einhalten zu können
  • Ausgleich von Helligkeitsunterschieden — GND-Filter dämpfen einen hellen Himmel, damit Vorder- und Hintergrund gleichmäßig belichtet sind
Lofoten — Langzeitbelichtung
Usedom — Langzeitbelichtung Meer

Filterstärken verstehen

Die Stärke von Graufiltern wird von verschiedenen Herstellern unterschiedlich angegeben:

  • Dichte — z. B. 0,3 / 0,6 / 0,9 / 1,8 / 3,0
  • Blendenstufen — z. B. –1 EV bis –10 EV
  • Verlängerungsfaktor — z. B. 2× bis 1.000×

Meine Korrekturtabelle (PDF) hilft dir beim Umrechnen der Belichtungszeit:

Alternativ gibt es die kostenlose App LEE Filters ProGlass IRND (iOS | Android), die das Umrechnen automatisch erledigt.

Ideale Belichtungszeiten

Eine universell „richtige“ Belichtungszeit gibt es nicht — das hängt immer vom Motiv und gewünschten Effekt ab:

  • Wasserfall/Bach: 2–4 Sekunden reichen oft für einen seidigen Effekt
  • Meer glätten: 30–60 Sekunden und länger
  • Wolken verwischen: 60–120+ Sekunden

Mein Tipp: Mit verschiedenen Belichtungszeiten experimentieren, bis sich ein Gefühl dafür entwickelt.

Verlaufsfilter — heute noch nötig?

Moderne Kamerasensoren liefern rund 12–14+ Blendenstufen Dynamikumfang. Viele Situationen, für die früher ein GND-Filter zwingend nötig war, lassen sich heute mit einem einzigen Bild oder einer kurzen Belichtungsreihe (Bracketing) lösen und später sauber zusammenführen — ohne die harten Übergänge, die ein GND-Filter an unruhigen Horizonten (Berge, Bäume, Architektur) erzeugen kann.

Für sehr klare, gerade Horizonte — z. B. Meer bei Sonnenuntergang — kann ein GND-Filter nach wie vor praktisch sein. Er ist aber aus meiner Sicht kein Standard mehr für den Einstieg.

Usedom — Langzeitbelichtung

Filtersysteme im Überblick

Grundsätzlich gibt es drei Bauformen:

  • Runde Schraubfilter — für jedes Objektiv ein eigenes Filter nötig (oder Step-Up-Ringe). Praktisch für Video und variable ND-Filter.
  • Magnetische Rund-Filter — schneller Wechsel ohne Einschrauben, ein variabler Adapter (z. B. H&Y RevoRing) deckt mehrere Gewindegrößen ab
  • Rechteck-Stecksystem (100 mm) — flexibelste Lösung für die Landschaftsfotografie: ein Filterhalter mit Adapterringen für verschiedene Objektive, Filter werden eingeschoben. Verlaufsfilter lassen sich vertikal verschieben.
  • Rücklinsenfilter — montiert auf Höhe des Bajonetts, praktisch für Weitwinkelobjektive mit gewölbter Frontlinse. Nachteil: Objektiv muss für jeden Filterwechsel abgenommen werden — erhöhtes Risiko der Sensorkontamination.

Kunststoff oder Glas?

Resin-Filter (Kunststoff) sind leichter und bruchsicher, aber anfälliger für Kratzer. Glasfilter sind robuster gegen Kratzer und liefern in der Regel eine bessere Farbneutralität. Ich habe meine Filtersammlung komplett auf Glas umgestellt — der Aufpreis lohnt sich. Wichtig: Glas-ND-Filter sind oft nicht durchgefärbt, sondern beschichtet. Schonende Behandlung und regelmäßige Reinigung sind deshalb entscheidend.

Meine Empfehlungen

Nach vielen Jahren mit verschiedenen Systemen setze ich heute auf zwei Ansätze — je nach Situation:

H&Y RevoRing — flexibel, magnetisch, schnell

Der RevoRing ist ein variabler Adapter mit Lamellenmechanismus, der sich stufenlos an verschiedene Filtergewinde anpasst — ein Ring für mehrere Objektive, keine Step-Up-Ringe nötig. In der Variante Mark II (VND + CPL) ist ein stufenloser ND-Filter mit Polfilter integriert. Zusätzlich lassen sich magnetische ND-Clip-on-Filter (ND4/8/16/400) sekundenschnell aufsetzen. Das macht das System besonders schnell im Gelände.

Die Filter bestehen aus Schott B270®-Glas mit mehrlagigen Anti-Reflex- und Nanobeschichtungen. Über meinen Affiliate-Link gibt es 15% Rabatt mit dem Code HY15OFF:

HAIDA M10 — das klassische Stecksystem

Wer bevorzugt mit einem klassischen 100mm-Rechtecksystem arbeitet, dem empfehle ich das HAIDA M10 (Mark II). Das System zeichnet sich durch ein integriertes Drop-In-Fach aus — dort lässt sich ein kombiniertes CPL + ND Drop-In Filter einsetzen, was ein zusätzliches eingeschobenes Filter spart. Die Rechteckfilter des Systems sind kompatibel mit dem Standard-100mm-Format anderer Hersteller.

Als Grundausstattung empfehle ich:

Lofoten — 30 Sekunden Belichtungszeit
Lofoten — Polfilter + ND-Filter kombiniert
Mole auf Fehmarn

Fotografieren mit Graufilter u2014 meine Vorgehensweise

  • Kamera auf Stativ ausrichten, Ausschnitt wählen, Blende bei niedrigem ISO vorwählen
  • Autofokus auf Motiv scharfstellen, dann auf manuellen Fokus umschalten
  • Belichtungszeit ohne Filter messen (z. B. über Zeitautomatik)
  • ND-Filter montieren, korrigierte Belichtungszeit ermitteln (Tabelle oder App)
  • Auf Bulb-Modus umschalten
  • Sucher abdecken (bei DSLRs), um Streulicht auf den Sensor zu vermeiden — bei spiegellosen Kameras im Live View nicht nötig
  • Aufnahme per Fernauslöser starten
  • Histogramm kontrollieren und Belichtungszeit bei Bedarf anpassen

Mein Tipp: Ausreichend Zeit mitbringen und sich nicht unter Druck setzen — Langzeitbelichtungen mit Graufilter wirken entschleunigend. Wer das zulässt, macht oft die besten Aufnahmen.

Reinigung und Transport

Filter müssen sauber sein — Fingerabdrücke und Wassertropfen erzeugen unerwünschte Artefakte. Ich empfehle:

  • Immer feuchte und trockene optische Reinigungstücher dabei haben
  • Reinigungstücher nur mit klarem Wasser ausspülen — keine Seife, um Verschmierungen zu vermeiden
  • Für den Transport: die Filter Bag CLASSIC von Terrascape — durchdacht in jedem Detail, mit Polsterung, Nebenfach für den Filterhalter und verschiedenen Tragesystemen

Polfilter

Ein zirkulares Polfilter sollte in keiner Filtersammlung fehlen. Es reduziert Reflexionen auf Wasseroberflächen und Glas, sättigt den Himmel und macht Wolken plastischer. Besonders in Kombination mit einem ND-Filter entstehen interessante Effekte.

Lofoten — Polfilter zeigt Unterwasserdetails
Lofoten — Polfilter entfernt Spiegelung

Weiterführendes

Wer die Theorie in der Praxis anwenden möchte: In meinen Foto-Workshops auf den Lofoten und Island fotografieren wir gemeinsam an einigen der schönsten Orte der Welt — mit ausreichend Zeit und in kleinen Gruppen.

Viele der im Buch beschriebenen Spots auf den Lofoten und Senja sind ideal für Langzeitbelichtungen. Mehr Infos: Lofoten Photography — Under Arctic Light.

Dieser Artikel wurde zuletzt im Juni 2026 aktualisiert.


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