Fehmarn: Insel im Wandel – Bildserien, Achtsamkeit und neue Perspektiven
Fehmarn ist für viele die Sonneninsel. Für mich war sie in dieser Woche vor allem etwas anderes: ein Ort, der die Geschwindigkeit aus dem Kopf nimmt. Dieses offene Licht, die klaren Horizonte, die Windlinien im Gras – alles wirkt wie eine Einladung, nicht nur zu fotografieren, sondern wirklich zu sehen. Gleichzeitig liegt über vielen Orten ein zweiter Ton: Fehmarn verändert sich. Man spürt das nicht nur in Gesprächen, sondern auch in dem, was man vor Ort wahrnimmt – planerisch, baulich, gesellschaftlich.
Ich hatte einen Foto-Bildungsurlaub gebucht, der genau diesen Spannungsbogen aufgreift: „Fehmarn – fantastisch fotogen – Erkundung einer Insel im Wandel“, geleitet von Angelika Zwick und Dominique Leppin. Die Ausschreibung hat mich sofort angesprochen – nicht, weil sie einen „Best-of-Spots“-Ansatz verspricht, sondern weil sie eine Haltung vermittelt: dokumentarisch und künstlerisch denken, bewusst auswählen, gemeinsam reflektieren.
Aber von Anfang an…
Nicht „mehr Motive“, sondern ein roter Faden
Ich kenne das Gefühl gut: Man ist an einem neuen Ort und will alles mitnehmen. Küste, Steilkante, Hafen, Wolken, Details – und am Ende bleibt eine Sammlung. Schön, aber oft ohne innere Verbindung. Auf Fehmarn habe ich mir (auch durch die Impulse im Kurs) das Gegenteil erlaubt: weniger sammeln, mehr verdichten.
Der Schlüssel dazu war die Arbeit in Bildserien.
Serienarbeit verändert den Blick. Man fotografiert nicht „ein starkes Bild“, sondern baut eine kleine Erzählung auf. Plötzlich werden Übergänge wichtig, Wiederholungen, Varianten, Pausen. Und man merkt: Eine Serie entsteht nicht im Sprint – sie entsteht, wenn man einem Thema Zeit gibt.
Bildserien: Wiederholung ist kein Fehler
Für meine Fotografie war diese Woche eine kleine Erinnerung daran, dass Wiederholung kein Mangel an Ideen ist, sondern oft der Weg zur Klarheit. In einer Serie darf ein Bild dem anderen ähneln – wenn es eine neue Nuance zeigt:
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ein minimal anderer Standpunkt
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ein anderer Rhythmus im Vordergrund
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eine andere Wolkenkante am Horizont
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ein Wechsel zwischen Weite und Detail
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ein Motiv, das plötzlich „leiser“ wird und genau dadurch wirkt
Ich habe gemerkt, wie gut mir diese Art zu arbeiten tut. Sie nimmt Druck raus, weil nicht jedes Foto „das eine“ sein muss. Und sie bringt etwas sehr Befriedigendes mit sich: Am Ende steht nicht nur ein Bild, sondern ein Zusammenhang.
Achtsames Fotografieren: erst ankommen, dann auslösen
Fehmarn war für mich entspannt – und genau daraus wurde Inspiration. Achtsames Fotografieren klingt schnell nach „sanft“ oder „langsam“; für mich bedeutet es eher: absichtsvoll.
Ich habe mir immer wieder kleine, einfache Regeln gesetzt:
Erst schauen. Dann entscheiden. Dann fotografieren.
Manchmal war das nur ein kurzer Moment: zwei Minuten ohne Kamera in der Hand, Wind im Gesicht, Augen auf Linie und Licht. Und erst dann die Frage: Was ist hier eigentlich mein Motiv? Nicht „die Ostsee“, nicht „die Insel“, sondern vielleicht nur ein Übergang: Wasser zu Sand, Gras zu Beton, Himmel zu Struktur.
Diese kleine Verlangsamung hat erstaunlich viel verändert. Die Bilder wurden ruhiger. Reduzierter. Und am Ende oft stärker.
Nordische Moderne am Südstrand: Arne Jacobsen als Motiv
Ein Motivfeld, das mich auf Fehmarn besonders gepackt hat, war die Architektur am Südstrand in Burgtiefe: Spuren der nordischen Moderne, entworfen vom dänischen Architekten und Designer Arne Jacobsen. Auf Fehmarn sind seine Ideen nicht nur „ein einzelnes Gebäude“, sondern ein Ensemble – mit markanten Baukörpern und einer eigenen Formensprache, die man sofort wiedererkennt.
Gerade fotografisch ist das spannend, weil vieles heute wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit: funktional, klar, manchmal fast futuristisch – und gleichzeitig sieht man an manchen Stellen, dass diese Bauten in die Jahre gekommen sind. Dieser Zustand, teils mit Sanierungsstau und Patina, erzeugt einen eigentümlichen Charme: nicht geschniegelt, sondern ehrlich gealtert. Genau das hat mich gereizt – weil es perfekt zu meinem Fehmarn-Thema passte: Wandel, sichtbar an Landschaft und Infrastruktur, aber eben auch an Architektur.
Fehmarn im Wandel: Tunnelprojekte als zweiter Bildraum
Neben allem, was Fehmarn landschaftlich ausmacht, war ein Thema immer wieder präsent: die großen Tunnelbauprojekte, die das Gesicht der Insel langfristig verändern werden. Das Spannende daran ist für mich weniger „Baustelle fotografieren“ – sondern das, was dazwischen liegt: Spuren, Übergänge, Kontraste, Reibung.
Fotografisch interessant wurde das für mich an Stellen, wo sich zwei Welten berühren:
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Naturraum, der plötzlich durch Markierungen, Zäune oder Umleitungen „gerahmt“ wird
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klare Küstenlinien, die auf technische Geometrien treffen
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Provisorien, die zeigen, dass etwas im Werden ist
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Perspektiven, in denen die Dimensionen spürbar werden (und nicht nur sichtbar)
Gerade im Kontext von Serienarbeit ist dieses Thema dankbar: Man kann eine Bildstrecke entwickeln, die nicht an einer „Baustellen-Ästhetik“ hängen bleibt, sondern Fragen stellt. Was geht verloren? Was entsteht? Wie verändert sich ein Ort, wenn Infrastruktur nicht nur geplant, sondern sichtbar wird?
Fehmarn hat mir damit eine überraschend aktuelle fotografische Ebene geschenkt – eine, die über Landschaft hinausgeht und plötzlich dokumentarische und künstlerische Motive verbindet.
Lernen in der Gruppe: Feedback, Blickwechsel, neue Energie
Ein wesentlicher Teil des Bildungsurlaubs war für mich der Austausch. Ich arbeite oft sehr fokussiert, gerne auch allein – und genau deshalb war es wertvoll, mich bewusst auf die Gruppe einzulassen. Denn Gruppenarbeit kann zwei Dinge gleichzeitig:
Sie erdet – und sie öffnet.
Wenn Bilder gemeinsam betrachtet werden, merkt man schnell, was tatsächlich „funktioniert“ und was nur im eigenen Kopf stark war. Noch wichtiger: Man bekommt nicht nur Bewertungen, sondern andere Wahrnehmungen. Andere Prioritäten. Andere Fragen. Das ist manchmal herausfordernd – aber meistens genau der Punkt, an dem neue Ideen entstehen.
Und es nimmt etwas von dem Perfektionismus, den wir Fotografen so gut kennen. Man wird mutiger, weil man merkt: Es gibt nicht nur den einen richtigen Weg, sondern viele konsequente Wege.
Alleine losziehen: Sonnenuntergang als persönlicher Gegenpol
So inspirierend die Kurszeiten waren: In meiner Freizeit bin ich auf Fehmarn auch häufig alleine losgezogen. Gerade zum Sonnenuntergang waren die Lichtstimmungen oft so schön, dass ich mir diesen Raum bewusst genommen habe – ohne Zeitplan, ohne Austausch, nur mit Blick und Tempo, das zu mir passt.
Dabei sind viele weitere Fotos außerhalb des Workshops entstanden. Diese Bilder sind mir wichtig, weil sie eine andere Seite der Woche erzählen: weniger „Lernmoment“, mehr „intuitiver Flow“. Für mich gehört das zusammen. Gruppenarbeit kann den Blick öffnen – und das Alleinsein kann ihn wieder bündeln.
Fazit: Wer sich einlässt, wird belohnt
Ich nehme von Fehmarn ein sehr einfaches, aber wichtiges Fazit mit:
Es lohnt sich, sich auf neue fotografische Themen einzulassen – und genauso auf das Arbeiten in der Gruppe. Dankeschön an dieser Stelle an Angelika und Dominique, die mit ihrer entspannten und wertschätzenden Art sehr zum Gelingen dieser fotografischen Erkundung beigetragen haben. Auch herzlichen Dank an die anderen Teilnehmenden für die harmonische Zeit und die guten Gespräche!
Die Insel hat mir Ruhe gegeben, aber keine Langeweile. Im Gegenteil: Gerade das entschleunigte Sehen hat mich inspiriert. Und die Kombination aus Bildserien, achtsamer Arbeitsweise und dem Thema „Insel im Wandel“ hat mir gezeigt, wie schnell Fotografie wieder frisch werden kann, wenn man den Blick bewusst neu ausrichtet.
Fotobuch als Ergebnis
Aus den Bildern dieser Woche ist im Anschluss ein kleines Fotobuch entstanden. Ich habe es als PDF aufbereitet und hier im Artikel eingebettet – zum Durchblättern direkt im Browser. Ich wünsche viel Spaß beim Betrachten der Fotos, welche ich in drei Kapiteln gruppiert habe.









