Eigentlich wäre dieser Berliner Februar-Trip ein Arbeitswochenende geworden. Mit einem befreundeten Fotografen wollte ich erste Ideen für einen gemeinsamen Workshop im Jahr 2027 sondieren und besprechen – doch dann klappte es terminlich nicht. Was übrig blieb, war ein verlängertes Wochenende in einer Stadt, die ich immer wieder neu entdecke. Und plötzlich viel gemeinsame Zeit mit meinem Sohn für Ausstellungen, Seitenstraßen und das, was zwischen den Terminen passiert.

Die Leica M10 Monochrome war dabei meine einzige Kamera. Keine Farbe, kein Kompromiss. Die Bilder, die ich hier zeige, bewegen sich zwischen Street-Fotografie und Ausstellungsimpressionen – eine Mischung, die sich in Berlin wie von selbst ergibt.

C/O Berlin: Graciela Iturbide

Im C/O Berlin lief bis Juni die erste große Berliner Retrospektive von Graciela Iturbide – eine der bedeutendsten mexikanischen Fotografinnen überhaupt. Zu sehen waren ikonische Serien und bislang unveröffentlichte Arbeiten aus mehr als fünf Jahrzehnten. Iturbides Aufnahmen erzählen von mexikanischer Kultur, weiblicher Identität und den spirituellen Dimensionen des Alltags. Ihr Blick reicht weit über das Dokumentarische hinaus – und wirkt lange nach.

Hamburger Bahnhof: Annika Kahrs und Giulia Andreani

Im Hamburger Bahnhof traf ich auf gleich zwei sehenswerte Positionen. Annika Kahrs erkundet in OFF SCORE Video- und Klanginstallationen an der Schnittstelle von Kunst und Musik. Sie befragt musikalische Strukturen und Aufführungskonventionen – auf ungewöhnlich ruhige, dabei eindringliche Weise. Zeitgleich eröffnete Giulia Andreani zum 30. Jubiläum des Hauses ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland. Ihre monochromen Gemälde basieren auf historischen Fotografien aus Familienalben und Archiven. Das Ergebnis bewegt sich irgendwo zwischen Dokumentation und Deutung, zwischen kollektivem Vergessen und neu freigelegten Geschichten.

Nordische Botschaften: Ragnar Axelsson

Im Felleshus der Nordischen Botschaften war Ragnar Axelsson mit Arctic Heroes – Verborgene Geschichten zu erleben: 18 Schwarzweiß-Aufnahmen aus Grönland, entstanden über vier Jahrzehnte. Es sind Bilder von Inuit-Jägern und Schlittenhunden, von Eis, das dünner wird. Zeugnisse einer Welt, die sich unwiderruflich verändert. Für mich persönlich war es eine der stärksten Ausstellungen des Wochenendes – nicht zuletzt, weil Axelssons Blick dem meinen in mancher Hinsicht verwandt ist.

Fotografiska: Markosian, Nachtwey und mehr

In der Fotografiska schließlich gab es gleich mehrere Ausstellungen zu entdecken. Den stärksten Eindruck hinterließ Diana Markosian mit Father: eine zutiefst persönliche Arbeit über Abwesenheit, Erinnerung und Annäherung. Markosian wuchs ohne Vater auf. Als Erwachsene machte sie sich auf die Suche nach ihm – fünfzehn Jahre nach der letzten Begegnung. Was folgte, war eine über ein Jahrzehnt begleitete Annäherung, dokumentiert in Bildern, die weder anklagen noch verklären.

Daneben liefen James Nachtwey (Memoria) – mehr als vier Jahrzehnte Dokumentation von Krieg und Ungerechtigkeit, schwer und notwendig –, Shepard Fairey (Photo Synthesis) mit einem Überblick über sein Werk zwischen Street Art und Fotografie, sowie Nikita Teryoshin (Life Sentence) im Rahmen des Emerging-Berlin-Programms.

Die Fotos, die ich selbst mitgebracht habe, sind aus einem anderen Stoff. Aber vielleicht hätten sie ohne diese Ausstellungen anders ausgesehen.

Ausblick: Ragnar Axelsson in Wetzlar

Ragnar Axelsson lässt mich nicht los. Ende April werde ich seine größere Ausstellung Where the World is Melting im Ernst-Leitz-Museum in Wetzlar besuchen. Ich habe die Bilder bereits 2023 in den Deichtorhallen in Hamburg gesehen – aber Bilder in neuem Kontext zu erleben ist jedes Mal eine eigene Erfahrung. Ich bin gespannt, was davon bleibt.

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