Mein letzter Island-Workshop begann für mich einen Tag früher als für die Teilnehmer. Die meisten Reisenden verlassen Keflavík so schnell wie möglich Richtung Reykjavík oder Südküste. Ich bin geblieben und habe mir Njarðvík angesehen. Auf dem Weg vom Flughafen fährt man daran vorbei, ohne es wirklich wahrzunehmen. Fotografiert habe ich nur mit der Leica M10-P und dem Voigtländer 28 mm Ultron. Mit der Festbrennweite muss ich mich bewegen, um den passenden Ausschnitt zu finden, und die Perspektive ändert sich mit jedem Schritt, den ich auf ein Gebäude zugehe oder von ihm zurücktrete. Am Abend des 10. und am Morgen des 11. September sind so die Aufnahmen entstanden, die ich dir hier zeigen möchte.
Warum wird hier so viel gebaut?
Njarðvík gehört seit Mitte der Neunziger zu Reykjanesbær. Damals haben sich Keflavík, Njarðvík und das kleine Hafnir zu einer Gemeinde zusammengeschlossen, die mit rund 22.000 Einwohnern heute die viertgrößte Islands ist. Der wichtigste Grund für das Wachstum liegt ein paar Kilometer weiter: Der Flughafen Keflavík ist inzwischen der größte Arbeitsplatz des Landes. Bis 2006 war dort außerdem die US-Militärbasis, und auf dem früheren Kasernengelände Ásbrú soll demnächst ein weiteres Neubauviertel entstehen. Dazu kommt Grindavík. Seit der Ort im November 2023 wegen der Vulkanausbrüche evakuiert wurde, haben viele Familien anderswo auf der Halbinsel eine Bleibe gesucht. Im Frühjahr 2024 gingen allein 87 Kinder aus Grindavík in Reykjanesbær zur Schule.
Siedlungen aus einem Guss
Wer durch die neuen Viertel läuft, stößt ständig auf Baustellen. An einer Stelle wird gerade die Bodenplatte gegossen, zwei Straßen weiter stehen schon die Rohbauten, und dazwischen parken Radlader, die abends niemand mehr bewegt. Die Häuser entstehen selten einzeln. Meistens wird eine ganze Siedlung auf einmal geplant und hochgezogen, mit flachen Dächern, glatten Betonflächen und wenig Schmuck. Mich hat das an das Bauhaus erinnert und noch mehr an die Bauten von Arne Jacobsen am Südstrand von Burgtiefe, die ich letztes Jahr auf Fehmarn fotografiert habe. Nüchtern ist das allemal. Mit dem 28er und dem Abendlicht auf den Fassaden hat mich diese Klarheit aber eher gereizt als gestört.
Die meisten Bilder sind frontal und auf Augenhöhe entstanden, bei bedecktem Himmel und ohne dramatische Perspektive. Damit liegen sie nah an einer Bildsprache, die 1975 mit der Ausstellung „New Topographics“ im George Eastman House in Rochester bekannt wurde. Robert Adams, Lewis Baltz oder Bernd und Hilla Becher zeigten dort Siedlungshäuser, Gewerbehallen und Industriebauten, nüchtern und ohne Wertung. Adams hatte die neuen Wohngebiete in Colorado fotografiert, und an manchen Ecken von Njarðvík musste ich an seine Bilder denken.
Auffällig fand ich, wie viel Platz den Kindern eingeräumt wird. Zwischen den Wohnblöcken liegen Spielplätze, Kindergärten und Schulen sind nie weit, und fast alle Wohnstraßen sind verkehrsberuhigt. Umso merkwürdiger, dass mir am Abend kaum jemand begegnet ist. Ein Ort, der so offensichtlich wächst, wirkte auf mich beinahe menschenleer.
Der Schulweg
Am nächsten Morgen sah das anders aus. Plötzlich waren überall Kinder unterwegs, viele allein und auf dem Fahrrad. Manche waren so klein, dass sie kaum über den Lenker schauen konnten, und saßen trotzdem auf Rädern, in die sie wohl erst in ein paar Jahren hineinwachsen. Sie fuhren gegen den Wind, der dort fast immer weht, ohne einen Erwachsenen an ihrer Seite, und keines von ihnen schien das für etwas Besonderes zu halten. Das ist vermutlich der größte Unterschied zu dem, was ich von zu Hause kenne, und es hat mich mehr berührt, als ich erwartet hätte.
Zwischen Neubau und Vorgarten
Nicht alles in Njarðvík ist neu. Zwischen den Siedlungen stehen ältere Häuser, denen man ansieht, dass eine Renovierung überfällig ist. In manchen Vorgärten sammeln sich ausrangierte Maschinen, anderswo liegt Spielzeug im Gras, das vermutlich auch den Winter draußen verbringt. Gerade diese Ecken haben mich fotografisch interessiert, weil sie zeigen, dass das Wachstum nicht überall gleichzeitig ankommt.
Djúpavík: Beton am Ende der Straße
Gegen Ende des Workshops waren wir mit der Gruppe in Djúpavík, und dort musste ich an Njarðvík zurückdenken. Djúpavík, übersetzt „tiefe Bucht“, liegt am Reykjarfjörður an der Ostküste der Westfjorde. Hin kommt man nur über eine schmale Schotterpiste entlang der Küste. Der Ort besteht aus einer Handvoll Häuser, einem Hotel und einer riesigen verlassenen Heringsfabrik. Die Gemeinde Árneshreppur, zu der er gehört, hatte Mitte des letzten Jahrhunderts über 500 Einwohner, heute sind es rund 50.
Wie aus dem Heringsboom ein Lost Place wurde
1917 ließ Elías Stefánsson hier eine Salzerei für Hering bauen, die schon 1919 pleiteging. Der zweite Anlauf kam 1934. Mit einem Kredit aus Stockholm entstand innerhalb eines Jahres eine neue Fabrik, 90 Meter lang und damals das größte Betongebäude Islands. Eine Straße gab es nicht, jedes Bauteil kam per Schiff. Im Juli 1935 lief die Produktion an, und nach zwei Saisons war die Fabrik schuldenfrei. Lange hielt das Glück nicht: 1944 wurden die letzten großen Fänge angelandet, 1948 blieb der Hering fast ganz aus. Nach Versuchen mit anderen Fischarten wurde die Fabrik 1954 geschlossen, einige Bewohner blieben noch bis etwa 1980.
Heute ist die Fabrik Museum und Veranstaltungsort. Seit 2003 gibt es eine Ausstellung zur Ortsgeschichte, im Sommer zeigt „The Factory“ Arbeiten internationaler Künstler, und seit 2024 erinnert das Baskasetur in einem der alten Tanks an die baskischen Walfänger, deren Schiffe 1615 im Reykjarfjörður zerstört wurden. Mehr als 30 der Seeleute wurden danach von Isländern getötet; der Erlass von damals wurde erst 2015 in Hólmavík symbolisch aufgehoben.
Sigur Rós haben 2006 auf ihrer Island-Tournee hier gespielt. Im Film „Heima“ sieht man, wie Jónsi in einem der runden Fischöltanks „Gítardjamm“ singt.
Die aktuellen Exponate haben mich ehrlich gesagt nicht besonders angesprochen. Umso stärker wirkte das alte Gemäuer auf mich. Durch die vielen Fenster ist die Fabrik lichtdurchflutet, und die rauen, hellen Wände sind ein idealer Rahmen für Ausstellungen. Dass an einem so entlegenen Ort Kunstprojekte stattfinden, fasziniert mich.
Das Hotel, das geblieben ist
Dass Djúpavík überhaupt noch Besucher empfängt, liegt an zwei Menschen. Ásbjörn Þorgilsson, Enkel eines früheren Bewohners, und seine Frau Eva Sigurbjörnsdóttir kauften 1984 die Fabrik und wollten eigentlich eine Fischzucht aufbauen. Stattdessen renovierten sie das ehemalige Wohnheim der Heringsarbeiterinnen, und im Sommer 1985 kamen die ersten Gäste. Viele Jahre waren die beiden die einzigen, die das ganze Jahr über hier lebten. Das Hotel hat bis heute acht Doppelzimmer mit Waschbecken, die Bäder teilt man sich, und in den Regalen steht mehr Geschichte als in manchem Museum. Die Führungen durch die Fabrik übernimmt inzwischen ihr Sohn Héðinn.
Am meisten hat mich unsere Kaffeepause im Hotel beeindruckt. Wir haben uns mit Kürbissuppe und Kuchen gestärkt, der Kaffee wird dort gratis ausgeschenkt. An einzelnen Tischen saßen andere Gäste, die offensichtlich für einen längeren Aufenthalt gekommen waren. Eine Frau arbeitete konzentriert an ihrem Laptop, an einem anderen Tisch strickten zwei Frauen isländische Muster. Sie alle schienen in der Ruhe dieses Ortes angekommen zu sein und aus der Abgeschiedenheit Energie zu schöpfen.
Was die beiden Orte verbindet
Auf den ersten Blick haben Njarðvík und Djúpavík wenig gemeinsam. Njarðvík wächst, weil Flughafen und Hauptstadt nah sind. Djúpavík ist geschrumpft, als der Hering ausblieb, und liegt bis heute am Ende einer Straße, die kaum jemand zufällig fährt. Auf meinen Bildern rücken die beiden Orte trotzdem eng zusammen. Beton prägt beide, in Njarðvík als frisch gegossene Wand, in Djúpavík als Fabrikhalle, an der seit siebzig Jahren Wind und Salz arbeiten. Auch bei den Maschinen gibt es Parallelen: Die Radlader in den Neubaugebieten warten auf den nächsten Einsatz, die Anlagen in der Heringsfabrik schon lange auf gar nichts mehr. Über vielen dieser Motive liegt eine leise Trostlosigkeit. Mich hat sie beim Fotografieren nicht bedrückt, sondern neugierig gemacht, was aus einem Ort wird, wenn der Grund für seinen Aufbau wegfällt.
Wo übernachten, wo einkehren?
In Njarðvík habe ich im Hotel Tjarna übernachtet. Es fügt sich mit seiner Architektur nahtlos in die neuen Siedlungen ein und hatte unter den Unterkünften, die ich mir angesehen hatte, das beste Preis-Leistungs-Verhältnis. Im selben Gebäude liegt die Bäckerei Týnda Bakaríið, auf Deutsch „die verlorene Bäckerei“, mit gutem Brot, allerlei süßem Gebäck und sehr gutem Kaffee.
Wer bis Djúpavík fährt, kann der Straße noch etwa eine Stunde weiter nach Norden folgen. An ihrem Ende liegt das Schwimmbad Krossneslaug, das Bauern aus der Gegend 1954 direkt an den Kiesstrand gebaut haben, im selben Jahr, in dem die Heringsfabrik schloss. Gespeist wird es von einer heißen Quelle. Das Becken hat rund 34 Grad, und vom Beckenrand blickt man aufs offene Meer. Geöffnet ist es etwa von Mitte Mai bis Ende August.



















