Eigentlich hätte ich zwei Kameras dabei haben wollen. Die Leica M10 Monochrome war eingepackt, die M2 lag auf dem Tisch – und der Film, der hineingehört hätte, lag leider zu Hause. So bin ich mit einer Kamera nach Wetzlar gefahren, was sich im Nachhinein als vollkommen ausreichend herausgestellt hat. Wer mit wachen Augen durch die Leica Welt läuft, kommt an einem einzigen Tag kaum hinterher.

Es war mein erster Besuch in der Leica Welt im Leitz-Park – und ich frage mich, warum ich so lange gewartet habe. Verabredet war ich mit meinem Onkel und seiner Frau, die eigens aus Bochum angereist waren. Mein Onkel fotografiert mit Begeisterung, seine Frau ist sehr kulturinteressiert und für Fotoausstellungen immer zu begeistern. Solche Begegnungen haben eine ganz eigene Qualität: Man schaut gemeinsam, entdeckt unterschiedliche Dinge, redet über Bilder. Das Besondere eines solchen Tages liegt oft weniger in dem, was man plant, als in dem, was sich zwischen den Stationen ereignet.

Angereist bin ich übrigens mit der Bahn und dem Deutschland-Ticket – was ich für Ausflüge dieser Art sehr zu schätzen gelernt habe.

RAX im Ernst Leitz Museum: Where the World Is Melting

Der eigentliche Anlass für den Wetzlar-Besuch war die große Ragnar-Axelsson-Ausstellung im Ernst Leitz Museum, auf die ich bereits am Ende meines Berlin-Artikels hingewiesen hatte. Dort hatte ich in den Nordischen Botschaften eine kleine Auswahl seiner Arbeiten gesehen – 18 Bilder, die mich nachhaltig beeindruckt hatten. In Wetzlar ist nun seine umfassende Ausstellung zu dieser Werkgruppe zu erleben, entstanden über rund vier Jahrzehnte in den arktischen Regionen Islands, Grönlands, Sibiriens und der Färöer-Inseln.

Es sind Aufnahmen von Jägern und Schlittenhunden, von Rentierhirten in der sibirischen Tundra, von Inuit und Fischern – Bilder, die aus langer Nähe entstanden sind und das entsprechende Gewicht haben. Kern der Ausstellung ist die tiefgreifende Veränderung dieser Welt durch den Klimawandel: Nicht Eis als Kulisse, sondern das Leben an seinem Rand – und das langsame Verschwinden einer Lebensweise, die über Jahrhunderte gewachsen ist.

Was mich bei großformatigen Ausstellungsdrucken immer wieder neu fasziniert: Die Wirkung einer Arbeit verändert sich in der Fläche. Was im Buch schon stark ist, wird auf einem großen Print nochmals verdichtet. So war es auch hier. Die Ausstellung Where the World Is Melting ist noch bis zum 29. Mai 2026 im Ernst Leitz Museum zu sehen – wer in der Nähe ist, sollte sich das nicht entgehen lassen.

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Fred Stein – eine Entdeckung

Ehrlich gesagt hatte ich Fred Stein nicht wirklich auf dem Schirm, als ich nach Wetzlar gefahren bin. Die Ausstellung Stadt. Leben. Porträt in der Leica Galerie Wetzlar hat mich dann positiv überrascht – so sehr, dass sie für mich neben der Axelsson-Schau zur zweiten starken fotografischen Begegnung des Tages wurde.

Fred Stein, 1909 in Dresden geboren, kam vergleichsweise spät zur Fotografie. Ursprünglich als Jurist ausgebildet, wurde er 1933 durch die politischen Verhältnisse gezwungen, Deutschland zu verlassen – die Emigration nach Paris markierte nicht nur einen biografischen Bruch, sondern auch den Beginn seiner fotografischen Laufbahn. Eine Leica, ursprünglich als Hochzeitsgeschenk gedacht, wurde für ihn zum Werkzeug und zur Grundlage einer neuen Existenz.

Mit seinen Porträtaufnahmen wurde er zu einem wichtigen Dokumentar der deutschsprachigen Emigration. In drei Jahrzehnten fotografierte er über 1000 Künstler, Politiker und Prominente – sein puristischer Schwarzweißstil öffnete ihm die Türen zu Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Georgia O’Keeffe oder Marlene Dietrich.

Was mich an Steins Arbeit berührt hat, ist die Haltung dahinter: ein zutiefst humanistischer Blick, der weder klagt noch glorifiziert. Man spürt die Geschichte, ohne dass sie einem entgegengeschrien wird. Eine schöne Entdeckung für einen Tag, der ohnehin schon viel zu bieten hatte. Die Ausstellung Stadt. Leben. Porträt läuft noch bis zum 14. Juni 2026.

Fred Stein I
Fred Stein
Fred Stein
Fred Stein

Das Drumherum – und warum es zum Erlebnis gehört

Die Leica Welt ist mehr als ein Museum. Das merkt man, sobald man das Gelände betritt. Die Architektur der Gebäude ist eindrucksvoll, die Räume sind großzügig und durchdacht. Im Hotel – ich habe dort übernachtet – hängen in den Fluren und im Restaurantbereich Schwarzweißportraits, die das fotografische Thema konsequent weiterführen. Das Frühstück war ausgezeichnet. Das kleine Café Leitz hat ebenfalls eine eigene Ausstellung – Fotografie im Kleinen, fast beiläufig, und doch nicht zufällig. Der Leica Store ist groß und gut sortiert; wer Leica-Fotografie lebt oder sich ihr annähern möchte, wird viel Zeit dort verbringen können.

Einziger Wermutstropfen: Der Classic Store war geschlossen, als ich da war – dort hätte ich sehr gerne gestöbert. Und die geführten Touren durch die Leica Welt, die ich mir für einen nächsten Besuch vorgenommen habe, wurden an dem Tag nicht angeboten. Das ist kein Kritikpunkt, sondern ein guter Grund wiederzukommen.

Mein einziger echter Kritikpunkt: Das Gelände ist insgesamt stark versiegelt. Umso wohltuender war der angrenzende Leitz-Park Wald – dort habe ich die Kamera einfach eingesteckt und den Spaziergang genossen: Stille, Bäume, frische Luft. Nach einem langen Tag voller Bilder und Eindrücke war das genau das Richtige.

Hotel
Architektur IV
Bilder
Architektur V
Architektur II
Treppenhaus Hotel
Architektur

Wetzlar – Altstadt und Lahn

Den Abschluss des Ausflugs am nächsten Vormittag hat mir Wetzlar selbst beschert. Die Altstadt mit ihren vielen historischen Fachwerkhäusern ist wirklich sehenswert – und die Lahn dazu ein angenehmer Begleiter für einen Spaziergang. Auch hier hätte die M10 Monochrome viel zu tun gehabt, aber manchmal ist es schön, einfach nur zu schauen.

Wetzlar ist einen eigenen Ausflug wert, nicht nur als Leica-Destination. Wer die Kombination aus Fotografie, Architektur und einer historischen Innenstadt schätzt, wird hier gut aufgehoben sein.

Ich plane auf jeden Fall einen weiteren Besuch – dann mit einem eingelegten Film in der M2, mit mehr Zeit für den Classic Store, und mit einer geführten Tour durch die Leica Welt.

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