Warum mich neben der Landschaft auch die Musikszene der Insel fasziniert

Wenn ich Freunden von meinen Island-Reisen erzähle, geht es fast immer um dasselbe: Gletscher, Wasserfälle, das Licht über dem Hochland. Das war auch mein eigener Ausgangspunkt. Die andere Seite habe ich eher zufällig entdeckt, im November 2012, bei meinem ersten Besuch des Iceland Airwaves Festivals in Reykjavík. Seitdem lässt mich Islands Musikszene nicht mehr los – und sie hat mit den Bildern, die man normalerweise von diesem Land im Kopf hat, kaum etwas zu tun.

Ulfur aus der Formation Gangly bei der Vorbereitung des Auftritts im Kex Hostel

Warum ausgerechnet Island?

Björk, Sigur Rós – und dann?

Zwei Namen kennst du bestimmt schon: Björk und Sigur Rós. Vielleicht auch Laufey, die mit ihrem Jazz- und Bossa-Nova-angehauchten Sound aber einen ganz eigenen Weg geht. Wie groß das Feld dahinter wirklich ist, wird oft unterschätzt.

Island hat etwas über 380.000 Einwohner, weniger als eine mittelgroße deutsche Stadt. Trotzdem exportiert das Land seit Jahrzehnten Musikerinnen und Musiker, die international Gehör finden. Ich habe mich lange gefragt, woran das liegt. Dabei bin ich auf eine Erklärung gestoßen, die mir einleuchtet: die staatlich geförderten Musikschulen.

Musik als öffentliche Infrastruktur

Fast 90 kommunale Musikschulen gibt es landesweit, auch in den kleinsten Orten der Westfjorde oder im Osten der Insel. Finanziert wurden sie historisch zu etwa gleichen Teilen von Staat, Kommune und Schulgeld. Angestoßen hat dieses System der damalige Bildungsminister Gylfi Þ. Gíslason in den 1950er- und 60er-Jahren. In Island wird Musikunterricht damit ähnlich behandelt wie Schwimmunterricht. Er gilt als Teil der öffentlichen Infrastruktur, nicht als Privatvergnügen für die, die es sich leisten können. Wer als Kind Klavier oder Gitarre lernen wollte, konnte das in jedem Fischerdorf tun. Diese Breite an der Basis erklärt einen guten Teil dessen, was später an der Spitze sichtbar wird.

Eine kleine Szene ist mir aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben. 2013 zog einer der berüchtigten isländischen Herbststürme über die Insel. An einem Nachmittag saß ich bei einer Off-Venue-Show im Scandic Hotel, Ásgeir spielte. Im Publikum saß zu großen Teilen eine Kindergartengruppe, mitten unter den übrigen Gästen, und niemand fand das ungewöhnlich.

John Grant hat sich beim Sonar-Festival 2014 unter das Publikum gemischt

Airwaves: die ganze Stadt wird zur Bühne

Kein Festivalgelände, sondern eine ganze Stadt

Was mich an Iceland Airwaves von Anfang an überrascht hat, ist, wie wenig das Festival mit einem klassischen Festivalgelände zu tun hat. Es gibt kein eingezäuntes Gelände, keine Hauptbühne, um die sich alles dreht. Stattdessen verteilt sich das Programm über die ganze Stadt, auf Dutzende Locations gleichzeitig, von Plattenläden über Kirchen bis zum Barbershop.

Das KEX Hostel

Tagsüber laufen parallel unzählige unplugged Sessions in Hotels, Cafés und Läden, die meisten davon bei freiem Eintritt. Genau in dieser entspannten Tageshälfte ist mir auch der Ort ans Herz gewachsen, der bis heute mein liebster Airwaves-Ort geblieben ist: das KEX Hostel. Der Name ist Programm – kex heißt auf Isländisch schlicht „Keks“, denn das Gebäude war früher tatsächlich eine Keksfabrik. Seit über einem Jahrzehnt lädt der amerikanische Radiosender KEXP dort während Airwaves Künstlerinnen und Künstler zu Live-Sessions in die alte Fabrikhalle ein. Ein Teil davon landet als Video auf YouTube. So konnte ich mir im Nachhinein Auftritte ansehen, bei denen ich selbst gar nicht in Reykjavík war.

Die Harpa als Symbol

Am anderen Ende der Größenordnung steht die Harpa, das gläserne Konzerthaus am Hafen, in dem die großen Namen des Line-ups spielen. Für die Isländer ist die Harpa mehr als ein Veranstaltungsort. Der Bau begann 2007. Mitten hinein platzte 2008 die isländische Bankenkrise, gemessen an der Größe der Wirtschaft eine der schwersten weltweit. Die Baustelle stand still, halb fertig, mitten in der Stadt. Staat und Stadt Reykjavík entschieden sich trotzdem, das Gebäude fertigzustellen. Das gilt bis heute als Symbol dafür, dass sich das Land aus der Krise herausgearbeitet hat.

Iceland Airwaves 2013

Aldrei fór ég suður

Mein liebstes Beispiel dafür, wie sehr Musik in Island mit dem Ort verwoben ist, an dem sie stattfindet, ist ein Festival in Ísafjörður, tief in den Westfjorden. Es heißt Aldrei fór ég suður – „Ich fuhr nie in den Süden“ – und die Geschichte dahinter gefällt mir besonders gut. Die Bewohner der Westfjorde waren es irgendwann leid, für jedes Konzert und jede Ausstellung den weiten Weg nach Reykjavík auf sich zu nehmen. Also gründeten der Musiker Mugison und sein Vater, von allen nur „Papamug“ genannt, kurzerhand ihr eigenes Festival, direkt vor Ort, in einer alten Fischfabrik.

Kirchenchor trifft Weltstar

Seit 2003 oder 2004 findet es über Ostern statt, bei freiem Eintritt. Von Locals habe ich einen meiner liebsten Programm-Kniffe erzählt bekommen, soweit ich mich erinnere: An einem Wochenende steht der örtliche Kirchenchor neben international bekannten isländischen Acts auf der Bühne. Jeder bekommt exakt dieselbe Zeit, und die Reihenfolge wird bunt durcheinandergewürfelt. Kein Headliner-Slot, keine Vorgruppen-Hierarchie. Man weiß nie, ob als Nächstes eine Handvoll Rentner mit Akkordeon oder eine Band spielt, die tags zuvor noch in London aufgetreten ist.

Der Bartónar male choir of kaffibarinn nach dem Off Venue-Auftritt im Loft Hostel - Iceland Airwaves 2013

Zwei Schwestern aus Reykjavík

Pascal Pinon

Eine der Künstlerinnen, die ich seit meinem ersten Airwaves-Besuch verfolge, habe ich damals fast zufällig entdeckt: Pascal Pinon, ein Duo aus den Zwillingsschwestern Jófríður und Ásthildur Ákadóttir. Die beiden hatten die Band 2009 gegründet, mit vierzehn Jahren. Aufgewachsen sind sie in einem Haushalt, in dem beide Eltern selbst Musiker waren, der Vater unter anderem als Komponist Áki Ásgeirsson.

Wohnzimmerkonzert in Darmstadt mit Pascal Pinon, 2013

JFDR

Was danach folgte, liest sich wie ein kleines Lehrstück über die Vielseitigkeit der isländischen Szene. Jófríður wurde 2011 Gründungsmitglied von Samaris, einem elektronischen Projekt, das musikalisch fast das Gegenteil von Pascal Pinon war. Später kam mit Gangly noch ein drittes Projekt dazu. Seit 2016 veröffentlicht sie zusätzlich unter ihrem Solo-Namen JFDR, leiser, introspektiver, wieder anders als alles davor. Drei Bands, drei Klangwelten, eine Musikerin.

Wer wissen möchte, woran Jófríður gerade arbeitet, findet das am ehesten auf ihrer eigenen Seite jfdrcurrent.com. Ihr bislang letztes Album, Museum, ist 2023 erschienen und wurde ein Jahr später mit einem isländischen Musikpreis ausgezeichnet. Ein Nachfolger ist bislang nicht angekündigt.

JFDR – „My Work“ (Live on KEXP, Kex Hostel, Iceland Airwaves 2017), ein gutes Beispiel dafür, wie reduziert und konzentriert ihre Musik in diesem Rahmen wirkt.

Gangly mit der Sängerin Jófríður Ákadóttir beim Off Venue-Auftritt im Kex Hostel, Aiwaves 2016

Fünf weitere Stimmen aus Island

Ólafur Arnalds

Ólafur Arnalds hat als Schlagzeuger in isländischen Metal- und Hardcore-Bands angefangen. Erst danach wandte er sich der neoklassischen Musik zu, Klavier und Streicher, unterlegt mit dezenter Elektronik. Sein Debütalbum Eulogy for Evolution erschien 2007 beim Berliner Label Erased Tapes. Es folgten Filmmusiken, unter anderem für die BBC-Serie Broadchurch, wofür er einen BAFTA gewann. Außerdem gründete er das Elektronik-Duo Kiasmos mit Janus Rasmussen. Sein Auftritt im KEX Hostel während Airwaves 2018 gehört zu den stillsten Konzerterlebnissen, die ich mir je angesehen habe. Zugegeben, ich saß dabei nur vor dem Bildschirm.

Ólafur Arnalds – Full Performance (Live on KEXP, Kex Hostel, Iceland Airwaves 2018)

Ásgeir

Ásgeir, mit vollem Namen Ásgeir Trausti Einarsson, stammt aus dem kleinen Ort Laugarbakki im Norden Islands. Sein 2012 erschienenes Debütalbum Dýrð í dauðaþögn wurde zum meistverkauften Debüt der isländischen Musikgeschichte, Schätzungen zufolge besitzt es jeder zehnte Isländer. Die Texte stammen größtenteils von seinem Vater, dem Lyriker Einar Georg Einarsson. Bei der englischen Fassung In the Silence half ihm der in Reykjavík lebende Songwriter John Grant. Mit „King and Cross“ gelang ihm darauf sein internationaler Durchbruch.

múm

múm gibt es schon seit 1997, gegründet von Gunnar Örn Tynes und Örvar Þóreyjarson Smárason, bald darauf ergänzt durch die Zwillingsschwestern Gyða und Kristín Anna Valtýsdóttir. Die Band gilt als Wegbereiterin der sogenannten Folktronica, zerbrechliche Gesangsmelodien über glitchigen elektronischen Beats und akustischen Instrumenten. Nach zwölf Jahren Pause ist 2025 mit History of Silence wieder ein neues Album erschienen.

Árný Margrét

Árný Margrét wiederum stammt ausgerechnet aus Ísafjörður, derselben Stadt, in der auch Aldrei fór ég suður stattfindet. Aufgewachsen in der Bäckerei ihrer Eltern, brachte sie sich mit vierzehn selbst das Gitarrespielen bei, inspiriert von den Songs des amerikanischen Singer-Songwriters Gregory Alan Isakov. 2022 erschien ihr Debütalbum they only talk about the weather, 2025 folgte I Miss You, I Do. Ihr Song „Intertwined“ ist ein guter Einstieg, falls du sie noch nicht kennst.

Jóhann Jóhannsson

Jóhann Jóhannsson ist der einzige Name auf dieser Liste, den man in der Vergangenheitsform beschreiben muss. Der 1969 in Reykjavík geborene Komponist erlangte mit seinen Filmmusiken für Sicario, Arrival und The Theory of Everything internationale Anerkennung, für Letzteres gewann er einen Golden Globe. Im Februar 2018 starb er im Alter von 48 Jahren in Berlin. Seine frühen, in Island entstandenen Alben wie Englabörn (2002) zeigen, woher diese Klangsprache eigentlich kommt, und es begleitet mich bis heute regelmäßig auf meinen Ausfahrten ins isländische Hochland.

Drei Namen, die ich im Auge behalte

Die Szene steht nie still. Während ich an diesem Text sitze, tauchen längst wieder neue Stimmen auf. Drei davon haben es auch auf meine Playlist geschafft.

RAKEL

RAKEL heißt bürgerlich Rakel Sigurðardóttir und stammt aus Akureyri. Lange hat sie im Hintergrund anderer gearbeitet, als Background-Sängerin unter anderem für Nanna von Of Monsters and Men. Mit ihrem Debütalbum a place to be (2025) ist sie selbst ins Zentrum gerückt.

Erschienen ist es auf Ólafur Arnalds‘ eigenem Label OPIA Community. Aufgenommen wurde es unter anderem auf dem Bauernhof ihrer Familie und im Studentenzimmer ihrer dänischen Produzentin Sara Flindt in Kopenhagen. 2026 wurde sie bei Airwaves zur Performerin des Jahres gekürt. Und ganz aktuell: Sie hat sich mit Lúpína angefreundet, gemeinsam arbeiten die beiden schon an neuen Songs.

Lúpína

Lúpína, bürgerlich Nína Solveig Andersen, veröffentlichte ihre erste Single im Herbst 2022. Die Alben ringluð (2023) und marglytta (2024) folgten. Ihre isländischsprachigen Texte trifft sie auf eine Produktion, die eher nach schwedischem Pop klingt als nach Reykjavík. Für „yfir skýin“ gewann sie den Song of the Year beim Reykjavík Grapevine Music Award.

Róshildur

Róshildur arbeitet weitgehend allein, als Produzentin, Songwriterin und Performerin in einer Person, isländisch-dänisch, mit einem Faible für vielschichtige Vocals und dichte Produktion. Ihr Debütalbum Samferða (2026), auf Deutsch etwa „gemeinsam unterwegs“, handelt von den Menschen, die einen durchs Leben begleiten. Im Dezember 2025 stand sie im Mengi in Reykjavík gemeinsam mit JFDR auf der Bühne. Kein Zufall also, dass sich beide auch auf dieser Playlist wiederfinden.

Sindri Már Sigfússon, Lead-Sänger der Gruppe SinFang hier vor dem Auftritt mit der Formation Gangly im Kex Hostel 2016

Noch ein Festival auf der Liste

Neben Airwaves und Aldrei fór ég suður steht noch ein weiteres Festival auf meiner Liste, auch wenn ich noch nicht selbst dort war: Bræðslan in Borgarfjörður eystri, ganz im Osten der Insel, ebenfalls in einer alten Fabrik, diesmal einer Heringsfabrik. Nur 800 bis 900 Tickets pro Jahr, aber ein Line-up, das schon Of Monsters and Men, Belle and Sebastian oder Damien Rice auf diese winzige Bühne gebracht hat.

Iceland Airwaves 2013 - Konzert im legendären Gamla Bío

Eine Playlist zum Artikel

Zu diesem Text passt eigentlich keine reine Textempfehlung, sondern etwas zum Hören. Ich habe dazu die Playlist „Iceland’s different sound“ auf Spotify angelegt – hör gern direkt hinein:

Direktlink: open.spotify.com/playlist/0CRx4OWMfw9FgPhOxBNiAU

  • JFDR – White Sun
  • Sandrayati, Damien Rice & JFDR – Song for Berta
  • Pascal Pinon – 53
  • Pascal Pinon – Somewhere
  • Samaris – Wanted 2 Say
  • Samaris – Stofnar Falla
  • Ólafur Arnalds – For Now I Am Winter
  • Ólafur Arnalds – Árbakkinn
  • Ásgeir – Going Home
  • múm – The Colorful Stabwound
  • múm – Green Grass of Tunnel
  • Árný Margrét – Intertwined
  • Jóhann Jóhannsson – The Beast (aus dem Sicario-Soundtrack)
  • Lúpína – Ástarbréf
  • Lúpína – Hoping
  • RAKEL – Rescue Remedy
  • Róshildur – Endir

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